Islamische Republik Türkei – Erdogan zwischen Militarismus und islamischen Nationalismus

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Islamische Republik Türkei – Erdogan zwischen Militarismus und islamischen Nationalismus

  1. August 2016 15:00 | Autor: Amer Albayati

Bei einer mehrwöchigen Studienreise in die Türkei, in der ich zur Entwicklung des radikalen Islams und von Terrorrouten nach Europa forschte, wurden alle Befürchtungen in Bezug auf die Entwicklung in der Türkei bestätigt. Diese Entwicklungen betreffen jedoch nicht nur die Türkei. Ebenso wirken diese auf sehr gefährliche Weise auch auf die Zukunft Österreichs und Europas.

Unter Einsatz von Polizeigewalt und Unterdrückung wird – Schritt für Schritt – ein fundamentalistischer Islam sowie ein Personenkult nach osmanischem Muster etabliert. Die Türkei ist auf dem besten Weg, eine islamische Republik zu werden. Erdogan spielt sich als „Muslimführer“ auf. Auch „strenggläubige“ Muslime fühlen sich von ihm angesprochen, nicht nur die radikalen Islamisten.

Der türkische Staat bietet daher immer häufiger vielen arabischen Islamisten, vor allem den ägyptischen Muslimbrüdern Schutz und Heimat.  Er zieht auch viele Araber an, etwa reiche, privilegierte und Akademiker aus den Golfstaaten, aber auch Syrer und Iraker, die in der Türkei Geschäfte und Immobilien kaufen. Denn sie betrachten die Türkei bereits als islamischen Staat.

Wie sehr Erdogan, bereits bei kleinen Kindern beginnend, die Islamisierung mit Hochdruck vorantreibt, zeigt ein aktuelles Beispiel:

Es soll ab dem neuen Schuljahr, also ab September 2016, auch für Kinder in Grundschulen Arabischunterricht geben – mit dem Ziel nicht nur Arabisch, sondern auch die 1925 abgeschaffte arabisch-osmanische Schrift zu erlernen. Bisher war Arabisch nur als Wahlsprache für Mittelschulen und Gymnasien vorgesehen.

Alles dreht sich nun um „den Willen Gottes“. Genauer gesagt: Immer häufiger wird das, was Erdogan dient, als Wille Gottes ausgelegt. Es geht darum, den national-fundamentalistischen Islam salonfähig zu machen und jede Form von Liberalismus zu zerstören. All dies werden wir unweigerlich auch in Österreich und Europa zu spüren bekommen. Erste „Kostproben“ haben wir schon erleben müssen.

Da sich Tyrannen aber selten an der Macht halten können, da dies zu großen Spannungen innerhalb der Bevölkerung führt, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später von den eigenen Leuten – oder aber seinen Feinden beseitigt werden. Denn auch innerhalb der AKP sind viele verunsichert. Außerdem sind massenhaft Menschen, die mit dem Putsch nichts zu tun hatten, nach vorgefertigten Listen, inhaftiert worden.

Selbst wenn sich die Lage in der Türkei – zumindest auf den ersten – nach dem Putschversuch beruhigt hat, ist nicht abzusehen, ob dies auch zu einer längerfristigen Stabilität am Bosporus führen wird. Die Menschen haben Angst und der Wirtschaft, insbesondere dem Tourismus geht es nicht gut. Wegen der massenhaften Verhaftungen fehlt das benötigte Fachpersonal in allen Bereichen. Da aber viele Türken vor allem des wirtschaftlichen Aufschwungs wegen zu Erdogan-Wählern geworden sind, könnten nun drohende wirtschaftliche Probleme zu Unruhen führen.

Zudem praktizieren Erdogan und seine Regierung eine aggressive und radikale Innen- und Außenpolitik. Das ist auch für Türken kontraproduktiv und gefährlich! Erdogan entpuppt sich dabei als absoluter Diktator. Zwar hat er, laut den letzten Wahlen, rund 50 Prozent der Türken hinter sich, aber ebenfalls – aufgrund seiner aggressiven und jähzornigen Politik – sowohl Gegner (Kemalisten, Aleviten), als auch Feinde (Kurden) im eigenen Land. Die im In- und  Ausland große Zahl der Anhänger von Fethullah Gülen, die er vernichten will, werden versuchen, Rache an ihm zu üben. Erdogan sitzt auf einem Pulverfass!

Dieser gewaltsame Umbau eines Staates, der nur mehr auf dem Papier eine relative Demokratie genannt werden kann, wird die bestehenden Konflikte zwischen Erdogan-Anhängern, säkularen Türken und vor allem Kurden immer häufiger auch in Österreich und ganz Europa eskalieren lassen. Und somit auch unsere Sicherheit gefährden. Denn Erdogan fördert durch seine Maßnahmen auch einen „Kalten Glaubenskrieg“. Auf populistische Weise spielt er weltweit Muslime und Nicht-Muslime gegeneinander aus. Er schürt den Hass gegen die USA, die Juden und Europa, insbesondere auch gegen Österreich.

Viele Fragen sind offen:

  • Kann Erdogan das gespaltene türkische Volk noch einigen?
  • Warum hat Erdogan lange Zeit zugesehen, wie Flüchtlinge ertrinken und Terroristen aus aller Welt und Europa die Türkei passieren?
  • Schafft es Erdogan, seine inneren und äußeren Feinde und Gegner zu beruhigen?
  • Ist Erdogan national, regional und international noch glaubwürdig?

Wir – die Muslime in Europa – wollen hier leben. Wir dürfen die Probleme aus anderen Ländern nicht importieren, in Wien keine fremden Konflikte auf die Straße tragen. Ich verlange von jedem Muslim: „Sei loyal zu dem Land, in dem du lebst!“ Wenn wir Muslime nicht endlich dem Islam eine Reform europäischer Prägung geben, können wir die Moderne nicht erreichen.

Ich würde Erdogan – aus Respekt vor dem türkischen Volk – raten, seine Politik zu ändern.

Die Berichte über Bespitzelung durch Erdogan-Handlanger in Österreich kann ich bestätigen. Ich bin vorsichtig. Ich wechsle die Orte, an denen ich mich bewege. Als ich kürzlich öffentlich behauptete, dass Erdogan Einfluss auf die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) hat, habe ich in Wien wieder etliche Drohungen erhalten, durch soziale Netzwerke und auch persönlich. Erdogans Geheimdienst ist auch hier sehr aktiv. Auch bin ich selbst schon, als ich in der Türkei war, aufgefordert worden, verdächtige Personen bei der türkischen Botschaft zu melden, was ich selbstverständlich ablehne.

Der in Wien lebende, gebürtige Iraker, ist Mitbegründer der Initiative Liberaler Muslime in Österreich (ILMÖ), Imam, Buchautor und Experte für radikalen Islam und Terrorismus. Die Bücher von Dr. Amer Albayati: „Europa vor neuen Herausforderungen“ undAuf der Todesliste des IS

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