Wie Präsident Erdoğan seinen Einfluss in Österreich ausweitet

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Wie Präsident Erdoğan seinen Einfluss in Österreich ausweitet

Dem neuen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft wird von muslimischen Verbänden vorgeworfen, einen politischen Islam zu vertreten.

17.07.2016 | 18:12 |  Gudula Walterskirchen  (Die Presse)

 

Quergeschrieben

Statt für die Politik ein verlässlicher Ansprechpartner zu sein, wird die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) zunehmend zum Problemfall. Für die Politik war es praktisch, den Dachverband quasi zu „verkirchlichen“ und damit nur einen einzigen Ansprechpartner und Verantwortlichen statt einer Vielzahl von Moscheenvereinen als Visavis zu haben. Bloß funktioniert dies nicht.

Zum einen weisen Muslime darauf hin, dass sie keine Kirche sind; zum anderen gibt es im Islam im Grunde keine Trennung von Politik und Religion, wie man beim türkischen Verein Atib, dem der neue Präsident Ibrahim Olgun angehört hat, gut ablesen kann.

Olgun ist Theologe und war Angestellter der Atib, deren Obmann der türkische Kulturattaché ist. Der Verein gilt als absolut Erdoğan-treu und als dessen Arm im Ausland. Innerhalb der IGGiÖ wird befürchtet, dass die türkische Gemeinschaft und Vereine wie Atib nun eine Vormachtstellung einzementieren und künftig den Alleinvertretungsanspruch für alle Muslime in Österreich stellen wollen. Dagegen wehren sich die Kurden, denen eine eigene Vertretung zugesprochen wurde.

Die Initiative Liberaler Muslime fordert ein Verbotsgesetz für radikale Islamverbände und jene, die einen politischen Islam vertreten, ähnlich dem NS-Verbotsgesetz. Dazu zählen sie unter anderen die Muslimbruderschaft, Milli Görüs – und auch die Atib.

Auch die arabischstämmigen Muslime, allen voran deren Vorsitzende Hassan Mousa, kritisierten die Wahl des neuen Präsidenten als „undemokratisch“ und „gesetzwidrig“. Sie haben die Wahl angefochten. Mousa befürchtet, dass fortan die türkische Religionsbehörde den Ton angeben werde, was sicher zu keinem Islam europäischer Prägung, sondern zu einem politischen Islam führen werde.

Dabei berührt Mousa, Betreiber einer umstrittenen strengreligiösen Schule, einen sensiblen Punkt: Hauptziel des neuen Islamgesetzes ist es, Muslime in Österreich der Fernsteuerung aus dem Ausland zu entziehen. Schon vor dem Beschluss des Islamgesetzes waren große Vereinigungen wie Atib gegen das Verbot der Auslandsfinanzierung Sturm gelaufen.

Dass der immer autoritärer regierende Erdoğan Anhänger eines fundamentalistisch-politischen Islam ist, beweist er täglich. Ebenso betont er, dass er Auslandstürken als seine Untertanen und als Vortrupp für eine (Rück-)Eroberung Europas betrachtet. Erdoğan spricht gern von der Wiedererrichtung des Osmanischen Reiches und ruft seine Landsleute im Ausland dazu auf, sich nicht zu integrieren.

Die problematische Wahl des neuen IGGiÖ-Präsidenten, die selbst von türkischen Vereinen wegen Regelwidrigkeiten kritisiert wird, ist erst der Auftakt für eine weitere Diskussion innerhalb der muslimischen Gemeinden in Österreich über Grundsätze und Ziele. Die Angelegenheit ist aber auch für Nicht-Muslime von Bedeutung, hängt davon doch das Gelingen oder Nichtgelingen des künftigen Zusammenlebens ab. Der deutsche Islam-Kritiker Hamad Abdel Samad wertet es als Fehler, dass die Politik die Integration über die Islamverbände regeln will. Diese seien konservativ dominiert und würden immer mehr Ansprüche erheben.

Der neue IGGiÖ-Präsident ist in der Öffentlichkeit ein noch unbeschriebenes Blatt. Er betont, „Brücken bauen“ zu wollen. Er hat alle Chancen, Distanz zu Ankara und zum fundamentalistischen Islam zu beweisen. Aber es ist notwendig, dass seine Aktivitäten sowohl von der islamischen Gemeinde als auch von außerhalb mit Argwohn beobachtet und notfalls auch Konsequenzen gezogen werden.

Das Islamgesetz sollte überarbeitet und Vorgänge in der IGGiÖ und in fundamentalistischen Vereinen von den Verantwortlichen in diesem Land genau verfolgt werden. Es kann nicht das Ziel sein, einen politischen Islam, wie er gerade in der Türkei etabliert wird, in Österreich zu akzeptieren oder gar zu fördern.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.07.2016)

 

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