Albayati/Tartsch: Gegen die Angst in der Diskussion über die Thematik „Islam und Gewalt“ – Verbot der radikalen Islam-Szene notwendig

„Die höchste Form der Kriegsführung ist die Zerstörung des Willens seines Feindes, um so allen Angriffen vorzubeugen.“

Sūnzǐ
„Die Kunst des Krieges“

Dr. Amer Albayati (ILMÖ) zur grassierenden Furcht im öffentlichen Diskurs über die Thematik „Islam und Gewalt“, welcher sich durch das Ringen um die Neutralität verwendeter Begriffe wie „Islamismus“ auszeichnet, während ubiquitär ein Wunsch nach Vermittlung grundlegender Fakten besteht.
Um diesem Wunsch nachzukommen, haben wir für sein aktuelles Buch „Auf der Todesliste des IS“ das Kapitel „Von der Muslimbruderschaft zum IS – Gefährdungspotentiale für Österreich und Europa“ verfasst, wobei sich die dort erstellte Voraussage bez. der Gefährdung durch den militanten Salafi-Dschihadismus von IS durch die Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 bestätigt hat, die auch von IS Rückkehrern aus ash-Sham ausgeübt wurden, wobei Verbindungen zu den IS Attentätern der Pariser Anschläge im November 2015 bestanden haben sollen :

http://www.initiativeliberalermuslime.org/buch-von-amer-albayati/

Daher sind die gesellschaftlich, medial und politisch Verantwortlichen gefordert, die in den letzten Jahren oftmals legalistisch agierende Islamisten und konservative Islamvertreter gefördert haben, ihre bisherige Politik zu überdenken. Legalistische Islamisten wollen durch Ausnutzung der durch eine Verfassung gewährten Freiräume, ohne Gewalt und Einwirkung auf die politische, mediale und gesellschaftliche Entscheidungsebene ihr Ziel der Schaffung von Parallelgesellschaften erreichen, die den Grundstock eines islamischen Staatswesens – wie das Kalifat – bilden, welches langfristig etabliert werden soll, womit politische Ziele religiös unterfüttert werden, was auch von nicht wenigen konservativen Islamverbänden vertreten wird.
Gleichzeitig wurde über Jahre das salafistische Konflikt- und Gewaltpotential in all seinen Ausformungen ignoriert. Und aus Konfliktscheu, Naivität und Unwissenheit nicht thematisiert, obwohl legalistischer Islamismus, konservatives Islamverständnis des organisierten Islam und missionarischer Da`wah Salafismus, der mit den beiden anderen Ausformungen das Endziel teilt, welches aber primär über die Einwirkung auf die gesellschaftliche Ebene durch Missionierung erreicht werden soll, nicht weniger bedrohlich sind, als militanter Salafi-Dschihadismus.
Dieses stellt sich als wenig hilfreich für ein lösungsorientiertes Issue Management dar, wenn hierdurch diejenigen Kräfte zumindest indirekt gefördert werden, die in ihrer Gesamtheit den freiheitlichen, säkularisierten Staat überwinden wollen.
Während dieser aus Angst nicht mehr fähig ist, Angriffe abzuwehren, weil seine Gegner schon die Bedeutungshoheit um Begriffe und Glaubenssätze wie „Islam ist Frieden“ in einem inhaltsleeren und moralinsauren „Monolog der Forderungen“ erlangt haben, der in den Rang einer Zivilreligion mit dem goldenen Kalb „Toleranz“ erhoben wurde.
Obwohl dieser Monolog faktisch den Boden für die angestrebte Überwindung von Staat und Gesellschaf zur Etablierung eines nomokratischen Gemeinwesens vorbereitet, welches auf Grundlage der Schariah gegründet ist, da Islam angeblich nur dann Religion sein kann, wenn Religion (Din) und Staat (Daula) eine Einheit bilden.
So schon eine Losung der 1928 in Ägypten gegründeten sunnitisch-arabischen Muslimbruderschaft, was Koran (Din) und Schwert (Daula) in ihrem offiziellen Logo verdeutlichen.
Die Muslimbruderschaft ist die Mutterorganisation des neuzeitlichen legalistischen Islamismus und militanten Salafi Dschihadismus, wobei Islamismus den Oberbegriff für ein heterogenes Spektrum sozialer, politischer und militanter Reformbewegungen darstellt, die seit Jahrzehnten auch in Europa aktiv sind.
So wie die Muslimbrüder seit den späten 1950er Jahren, als die ersten Netzwerke in Deutschland und der Schweiz gegründet wurden. Und die sunnitisch-türkische Millî Görüş Bewegung durch die jeweiligen Gründungen von MG Organisationen durch eingewanderte Muslime aus den ländlichen Gebieten der Türkei ab Ende der 1960er Jahre, da das türkische Parteiengesetz (noch) die offizielle Gründung von Auslandsorganisationen türkischer Parteien verbietet, da die MG in der Türkei als Mutterorganisation immer im Rahmen des türkischen Parteiensystems agierte. Wodurch ihr verstorbener Gründer, Prof. Necmettin Erbakan, von Mitte 1996 bis Mitte 1997 türkischer Ministerpräsident werden konnte, bis ihn das türkische Militär zum Rücktritt zwang, da es sich immer als Hüter des Kemalismus sah. Aus der MG spaltete sich dann am Anfang des 21. Jahrhunderts die AKP als reformistischer Flügel ab, die heute die Regierungspartei stellt. Und faktisch das Militär entmachtet hat, während die ehemalige kemalistisch geprägte Elite in den Städten der Westtürkei durch die neue islamistische Mittelschicht des „grünen Kapitals“ mit Wurzeln in Anatolien aus ihrer ökonomisch-politischen Führungsposition herausgedrängt wird, da türkischer Islamismus von MG und AKP auch Ausdruck des seit Jahrzehnten virulenten sozialen Konfliktes zwischen „schwarzen Türken“ (Landbevölkerung in Anatolien) und „weiße Türken“ (kemalistische Eliten in den Städten) ist.
Gleichzeitig wird jede kritische Gegenmeinung zum Monolog der Forderungen mit Neologismen wie „Islamophobie“ und „Antimuslimischer Rassismus“ zum Schweigen gebracht, weil hierdurch eine Stigmatisierung erfolgt, die zum gesellschaftlichen und sozialen Abseits führt. Dies konnte geschehen, weil sich die Majorität der gesellschaftlich, medial und politisch Verantwortlichen aus Angst dieser Form psychologischer Kriegsführung unterworfen hat, was Dr. Albayati anschaulich in seinem Artikel skizziert.
Damit wurde nicht nur der Willen zur Verteidigung der eigenen Werte gebrochen. Sondern es wurde und wird legalistischen Islamisten und konservativen Verbandsvertretern erleichtert, ihre Aktivitäten durch Lobbyarbeit, Netzwerkbildung, Kontrolle über Moscheen und Infiltration sozialer Netzwerke fast ungehindert vorantreiben zu können, um die bestehenden verfassten Ordnungen langfristig zu überwinden, während die jeweiligen Gesellschaften mit der Durchdringung schariahtisch legitimierter Normen und Werte mittel- bis langfristig islamisiert werden sollen, wobei derzeit noch keine allgemein geteilte Definition des Begriffes „Islamisierung“ existiert.
Auch wenn diese Ziele auf absehbare Zeit nicht erreicht werden können, führt die propagierte Islamauslegung als ein dem Westen in allen Belangen überlegenen Systems zu einer Vertiefung bestehender Segregationstendenzen entlang ethnisch-religiöser Bruchlinien, die sich in abschottenden Strukturen (Konzept von al-Walā‘ wa-l-barā‘: Loyalität zur eigenen al-Ummah al-Islamiyya (islamischen Gemeinde) und Lossagung von der als feindlich angesehenen nichtmuslimischen Umwelt, 9:1; 5:51 u.a. im Koran und in den Ahadith der Sunnah des Religionsstifters Muhammad) ausdrücken, in denen schariathische Normen zur Daseinsbewältigung und zur Regelung der sozialen Beziehungen zwischen Muslimen und Muslimen – Nichtmuslimen gelten, die mit rigider Ingroup Kontrolle schariahtisch erlaubten- verbotenen Verhaltens (al-Halal wa-l-Haram fi Islam) und körperlichen Zwang durch selbsternannte Religionswächter durchgesetzt werden (Konzept von al-Hisba auf Grundlage des Grundsatzes: al-amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿani-l-munkar = „Das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten“, 3:110 Koran), was man sonst nur in islamischen Ländern mit einer Religionspolizei wie Saudi-Arabien, Iran und in Gaza kennt.
Wir heute als Ergebnis dieser Islamisierung neben der europaweiten Ausweitung einer schariathischen Schattenjustiz islamischer „Friedensrichter“ in Städten wie London schon jetzt „Shariah Controlled Zones“ mit eigener Religionspolizei haben, die ein Eigenleben neben der Mehrheitsgesellschaft führen, was auch den Nährboden für militante Dschihadisten bildet, die dort Unterstützung und Solidarität erfahren, während in radikalen und extremistischen Moscheen ungehindert zur Teilnahme am gewaltsamen al-Dschihad(u) bi-s-Saif (der Dschihad mit dem Schwert) als Qital fi sabiil(i) li-Illah (Kampf auf dem Weg Allahs) in der islamischen Welt und in Europa aufgerufen werden kann.
Was nicht verwundet in einem Land ohne funktionierendes Integrationskonzept, welches schon die Etablierung offizieller Schariah Gerichte wie den Islamic Shariah Council (ISC) politisch gefördert hat, die im Zivilrecht verbindliche Urteile fällen können.
Die Folgen solcher politischer Fehlentwicklungen verdeutlicht der Report „“A Parallel World – confronting the abuse of Muslim women in Britain“ aus 2015:

http://www.bowgroup.org/policy/bow-group-report-parallel-world-confronting-abuse-muslim-women-britain

Der Report zeigt, wie der zunehmende Einfluss des Schariah-Rechts in Britannien heute das fundamentale Prinzip untergräbt, dass es für alle britischen Bürger Gleichheit vor dem einzig gültigen Gesetz des Landes geben muss. Anders gesagt: Brüssel-Molenbeek ist überall.
Im Grundsatz nichts anderes als das altbekannte soziologische Phänomen des Konfliktes zwischen Ingroup (al-Ummah al-Islamiyya) und Outgroup (nichtmuslimische Umwelt) zur Schaffung einer spezifischen religiösen, politischen und sozialen Identität, mit der sowohl Integration, als auch identifikative Assimilation verhindert werden soll, wobei es sich hier um zwei verschiedene Prozesse handelt, die in der Diskussion nicht klar getrennt werden, da am Ende erfolgreicher Integration (politische Zielvorstellung) eine identifikative Assimilation (soziologischer und sozialpsychologischer Prozess von Individuen, die sich als Ergebnis möglichst bruchlos in ein Gesamtsystem einfügen. Und sich mit diesem identifizieren) stehen kann, ohne hier die Diskussion führen zu können, wie diese aussehen soll.
Das Ergebnis dieses Konfliktes ist eine persistente, mehrkernige und sektorale Segregation in Analogie zur klassischen islamischen Stadt, wo Wohngebiete nach ethnischen und religiösen Vierteln getrennt sind. Was man in faktisch allen europäischen Ländern sieht, wo ethnisch-religiöse Stadtteile bestehen, in denen man schon nicht mehr die Landessprache lernen muss, da eine entsprechende Infrastruktur zur Bewältigung des Alltags besteht, womit man nicht mehr in Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft kommen muss, weil man sein Leben wie in der Herkunftsregion führen kann.
Schon heute haben sich in Deutschland ganze Stadtteile wie Duisburg Marxloh oder Köln Kalk zu abschottenden parallelen Gebilden entwickelt, die sich in Analogie zur orientalischen Stadt im Rahmen einer mehrkernigen ethnisch-religiösen Segregation weiter differenzieren. Hier benötigt man nicht nur keinerlei deutsche Sprachkompetenz mehr, um das Alltagsleben zu bewältigen, sondern auch der öffentliche Raum wird durch die Geltung archaisch kultureller und rigider religiös determinierter Erwartungshaltungen gekennzeichnet, die durch soziale Kontrollmechanismen von der Familie über die Verwandtschaft bis zu den Moscheevereinen durchgesetzt werden. Die Lebensrealität, die sich etwa durch den steigenden Anteil von Geschäften mit Brautmoden und Kinderbekleidung äußert zeigt, in welchem Ausmaß das Leben dieser Menschen neben der Mehrheitsgesellschaft durch atavistische Normen- und Wertestrukturen bestimmt wird. Zurückgreifend auf das Beispiel der angesprochenen Geschäfte offenbart sich das Konzept der untergeordneten gesellschaftlichen Rolle der Frau in sich abschottenden Submilieus, welche in der bestehenden Teilung des gesellschaftlichen Lebens in eine öffentliche und private Sphäre gründet.
Während der Mann das Recht des öffentlichen Agierens in der öffentlichen Sphäre besitzt, wo die Frau (wenn überhaupt) nur verschleiert und in inferiorer Stellung auftreten darf, wird sie selbst in die private Sphäre verweisen, was als natürlich gegebenen Differenz angesehen und mit kulturellen und religiösen Argumenten gerechtfertigt wird. Somit wird eine gradlinige Trennung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche aufgrund der Rollenzuteilung mittels eines archaischen Geschlechterbildes vollzogen, wo das Mädchen oder die Frau nur eine Wertigkeit für den Heiratsmarkt besitzt, die sich in der Unverletzlichkeit des Hymens bis zur Hochzeitsnacht ausdrückt, womit ihr jegliche sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen wird. Ein Verstoß gegen diese vormodernen Moralvorstellungen wie vorehelicher Sexualverkehr wird etwa im Fall traditionell eingestellter türkischer Familien oftmals als „günah“ (Sünde) angesehen, die die „Ehre“ der Familie befleckt und in letzter Konsequenz auch durch einen „Ehrenmord“ geahndet werden kann, um diese „Ehre“ wiederherzustellen. Die Rolle der Frau stellt damit eine Form von Minderwertigkeit dar, die sich etwa in der späteren Rolle als immer bereite, immer fügsame und immer verfügbare Samentoilette des Mannes fortsetzt, die der ständigen Kontrolle von Ehemann, Familie und Verwandtschaft unterliegt. Damit werden archaisch-religiöse und desintegrativ wirkende Strukturen konserviert und durch „Importbräute“ perpetuiert, da diese bruchlos in die bestehenden Gemeinschaften eingefügt werden.
Diese Entwicklung kumuliert mit der sich seit Jahren ausweitenden residentiellen Segregation sozio-ökonomischer Prägung, die zur Entmischung von Wohngegenden entlang sozialer und ökonomischer Bruchstellen führt, weil verfügbares Haushaltseinkommen und sozialer Status bestimmen, in welchen Stadtteilen bezahlbarer Wohnraum erhältlich ist.
Wir somit zwei Megatrends zu verzeichnen haben, die gewaltiges Konfliktpotential für zukünftige soziale Eruptionen besitzen, weil knapper werdende Ressourcen wie Arbeitsplätze und bezahlbarer Wohnraum zu Verteilungskämpfen zwischen den verschiedenen sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen führen werden, die von Staaten als Inhaber des Monopols physischer Gewaltsamkeit (Max Weber) verhindert werden sollen. Aber oftmals jetzt schon ihr Gewaltmonopol in Parallelgemeinschaften faktisch aufgegeben haben.
Die Tendenz zur Abschottung aufgrund ethnisch-religiöser Merkmale kann man, um es noch einmal zu betonen, heute in allen europäischen Staaten konstatieren, wobei insbesondere die Aktivitäten der AKP über ihre vielfältigen Vorfeldorganisationen und Auslandsableger des 1924 gegründeten Diyanet İşleri Başkanlığı (Präsidium für religiöse Angelegenheiten) in Europa hervorzuheben sind, die die im Ausland lebenden türkischstämmigen Menschen zu tief religiösen und nationalistischen Türken mit monogamer Staatsloyalität zur AKP Türkei erziehen sollen.
Die AKP selbst strebt eine Umwandlung der Türkei in eine, vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan autoritär regierte und vom sunnitischen Islam dominierte, 2. türkische Republik an. Das zeigt, warum der Kemalismus nicht nur politisch seit 1950 seine Vormachtsstellung durch die Wahlniederlage der kemalistischen Cumhuriyet Halk Partisi (CHP) verloren hat, als mit dem Wahlsieg der Demokrat Parti (DP) eine Re-Islamisierung des Landes seinen Anfang nahm, die bis heute fortdauert, Nicht zuletzt, weil sich keine einflussreiche und wirkmächtige türkische Zivilgesellschaft entwickelt hat, die zwischen Kemalismus und Islamismus hätte vermitteln können.
Sondern der Kemalismus auch gesellschaftlich, als autoritär durchgeführte „Top-Bottom“ Modernisierung, nie sein Ziel erreicht hat, eine Privatisierung der Religion, deren Inhalte durch Diyanet staatlich kontrolliert werden, gesamtgesellschaftlich durchzusetzen.
Diyanet wird massiv von der AKP staatlich finanziert und besitzt ein Budget, welches in der Höhe dem Gesamtbudget von 12 anderen Ministerien entspricht:

„Diyanet’s share of the budget has surpassed the budgets of 12 ministries, according to the financial plan of the program. Diyanet is forecasted to get 6.48 billion liras from the 2016 budget, although its share was 5.74 billion liras in this year’s budget. “

http://www.hurriyetdailynews.com/intelligence-religious-affairs-set-to-take-huge-share-of-turkeys-2016-budget–.aspx?pageID=238&nID=89761&NewsCatID=344

Davon werden auch die Hodschas bezahlt, die vom türkischen Staat in die europäischen Moscheegemeinden entsandt werden, die zu den jeweiligen Auslandsablegern von Diyanet wie ATİB (Österreich) und DİTİB (Deutschland) gehören, während die Hodschas selbst in der Türkei vermehrt in den religiös geprägten İmam Hatip Lisesi (Berufsfachgymnasien) ausgebildet werden, deren Einrichtung von der AKP in den letzten Jahren ebenfalls massiv gefördert wurde.
Wobei es auch in Wien eine solche Imam Hatip Einrichtung gibt:

http://ihbz.at/

Von der Facebook Seite des IHBZ kommt man auch auf die Seite der „AKP Wien“, die über 13.000 „Gefällt mir“ Likes verzeichnen kann:

Da diese Gegengemeinschaften nicht mehr mit den hier geltenden sozialen Normen und Werten sozial imprägnierbar sind, können sich aufbauende Konfliktpotentiale im Zeitablauf in Gewaltpotentiale wandeln, wenn die nichtmuslimische Umwelt nicht mehr den Forderungen nach der Etablierung schariathischer Normen nachkommt, die von den Ablehnern des Säkularimus eingefordert werden, welche sich in der Regel als angebliche Vertreter und Fürsprecher „der Muslime“ im Monolog der Forderungen ausgeben.
Diesen ist gerade daran gelegen, bei zugewanderten Muslimen eine oftmals anzutreffende Ablehnung des Säkularismus zu erhalten, weil sie damit ihre Rolle als Schiedsmänner zwischen der – angeblich von der Mehrheitsgesellschaft missverstandenen – muslimischen Minderheit und den einheimischen politischen, kirchlichen und publizistischen Führungsschichten behaupten können (Tilman Nagel).
Gleichzeitig verrät man dadurch diejenigen integrationswilligen Muslime, die aus eigener Einsicht einen unseren Verhältnissen entsprechenden Islam leben und praktizieren, da sie genauso betroffen sind von einer zunehmenden Schariahthisierung des öffentlichen Raumes.
Somit kann ein Gemeinwesen, welches nicht mehr den Willen zur Verteidigung seiner eigenen propagierten Werte und Normen besitzt, nicht nur kein Angebot für eine identifikative Assimilation anbieten.
Sondern es kann noch nicht einmal bestimmen, welche Ausformungen von Islam nun kompatibel mit der hier geltenden Lebensweise sind, weil das entsprechende Gegenreaktionen bei den Monologpartnern auslöst, die jede Forderung nach Anpassung als „Beleidigung“ auffassen.
Trotzdem muss man letzten Endes entscheiden, welche Formen von Islamauslegung und -auslebung von Muslimen mit hier geltenden Grundsätzen kompatibel sind, was zudem auch eine offene Diskussion zur Frage über die religiöse Legitimierung von Gewalt beinhaltet, die ebenfalls aus Angst nicht geführt wird.
Und welche Formen eben nicht, da die westliche Hybris, die sich in der Forderung „der Islam solle westliche Werte übernehmen und sich reformieren“ ausdrückt, insoweit eine Verkennung der Realität darstellt, weil sich „der Islam“ gar nicht reformieren kann, da eine Religion generell kein handlungsfähiges Subjekt darstellt.
Sondern es immer darauf ankommt, wie Angehörige einer Religion diese auslegen und ausleben.
Es gilt daher zum einen, ohne Beachtung bestehender Naivität und Hybris, den Fakt eines breiten Spektrums islamisch geprägter Lebensentwürfe und Lebensgestaltungen in all ihren Facetten zur Kenntnis zu nehmen, die in Europa gelebt werden. Und zum anderen, mit Besonnenheit und Nachdruck, die hier geltenden Grundsätze entgegenzuhalten, da man von allen in einem Gemeinwesen lebenden Menschen verlangen kann, diese ohne Wenn und Aber zu respektieren.
Ob sich hieraus ein, von einer breiten Mehrheit der in Europa lebenden Muslime anerkannter „Euro-Islam“ (Bassam Tibi) etablieren kann, der faktisch eine Entkernung der Religion auf Ibadat (Ritenpraxis), Aqida (islamische Grundüberzeugungen) und die nicht gegen hier geltende Gesetze und Werte/Normen verstoßenden Teile von Achlaq (isl. Moral und Sittlichkeit) beinhaltet, was sich etwa in der Aufgabe des Gebotes der Unterwerfung der ganzen Welt durch Missionierung und Kampf als Verbindung eines – jeder Religion immanten – Wahrheitsanspruches mit einem weltlich-politischen Dominanzstreben manifestiert, kann niemand sagen, da er sicherlich im Vergleich zur muslimischen Welt eine unerhörte Neuerung darstellt.
Was kein Argument darstellt, weil es für in Europa lebende liberale Muslime uninteressant ist, was Muslime in der islamischen Welt unter Islam verstehen. Diesen gilt es, den Rücken zu stärken. Anstatt sich faktisch legalistischen Islamisten und konservativen Verbandsvertretern zu unterwerfen, weil man Toleranz mit Schwäche und Wohlwollen mit Feigheit verwechselt.
Vielmehr wird ein, mit den westlichen Gesellschaften kompatibler, „Euro Islam“ heute schon von Teilen der Muslime gelebt. Und von Initiativen wie der ILMÖ vertreten, die in der Regel zuwenig Beachtung finden.
Zudem stellt sich die Herauforderung bezüglich der Integration 100.000er zugewanderter Menschen aus dem islamischen Raum, die in ganz anderen historischen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Kontexten sozialisiert wurden, als eine bisher nicht gekannte Situation dar, deren langfristige Folgen gar nicht absehbar sind, weil sich die Gesellschaften verändern werden. In welche Richtung? Das ist derzeit offen.
Es kann sich daher, im Rahmen einer historischen Entwicklung, ein von der Majorität der dann in Europa lebenden Muslime akzeptierter Euro Islam entwickeln. Es kann auch danebengehen, was das bisher praktizierte Social Engineering gezeigt hat, welches zu Segeregation und Abschottung geführt hat.
Was sich noch vertiefen wird, wenn die anstehenden Integrationsprobleme nicht gelöst werden können, während die globalen Wanderungsbewegungen nach Europa nicht mehr aufhören werden. Zumal, wenn durch den schmutzigen EU-AKP Deal durch Abschaffung der Visa-Pflicht die Möglichkeit für eine Armutswanderung junger Männer aus der Türkei nach Europa geschaffen wird, womit sich die AKP derjenigen entledigen kann, die indigen ein soziales Konfliktpotential bilden, während Europa die Rechnung dafür zahlt.
Daher muss die bestehende Angst überwunden werden, um im Rahmen erkenntnisorientierter Aufklärungsarbeit neue Handlungsmaximen erstellen zu können.
Hier gilt es als ersten Schritt, entschlossen und mit intellektueller Redlichkeit, ohne Emotionen und mit analytischer Kälte, eine für den durchschnittlichen Westler unverständliche, rätselhafte und letzten Endes bedrohlich bleibende Weltsicht zu sezieren, damit man bedenklichen Lehren begegnen kann, die hier keinen Platz haben können.
Und damit als zweiten Schritt, im Rahmen der Restauration des antitotalitären Grundkonsenses, dem freiheitlichen, säkularisierten Staat seinen Willen zum Widerstand gegen seine politischen und religiösen Feinde zurückzugeben, der von Islamisten und konservative Verbandslobbyisten durch psychologische Kriegsführung gebrochen wurde.
Gelingt dies nicht, werden die westlichen „postheroischen Gesellschaften“ (Herfried Münkler), die jetzt schon nicht mehr bereit sind, für propagierte Ideale Menschenleben auf Spiel zu setzen, zu westlichen Failed States. Belgien lässt grüßen.

Dr. Amer Albayati: Politik muss Zusammenarbeit mit Islamisten beenden

Aus der Perspektive des Vertreters und Verteidigers des freiheitlichen, säkularisierten Staates gegen seine politischen und religiösen Feinde muss man deshalb dem zustimmen, was Dr. Albayati seit Jahren dezidiert fordert:

„Es ist unabdingbar: die Politik darf sich von heuchlerischen islamistischen Fundamentalisten nicht mehr über den Tisch ziehen lassen. Es darf keine Zusammenarbeit mit Muslimbrüdern oder anderen Extremisten geben – schon gar nicht in den Kindergärten! Wir müssen im Gegenteil die Stärkung einen säkularen Islam unterstützen, der nicht auf mittelalterlichen Überlieferungen beruht, sondern mit einem aufgeklärten Europa kompatibel ist. Im Islam darf es keine Verbreitung von Lehren geben, die zu Attentaten und Massenmoden führen!“

http://www.initiativeliberalermuslime.org/pressemitteilungen/24-03-2016/

Ebenso:

„Das tatsächliche Problem liegt an völlig anderer Stelle

Wenn es dafür nicht bereits zu spät ist, muss der Kern des Problems an seiner tatsächlichen Wurzel gepackt werden. Dazu bedarf es auch der Einbindung liberaler und säkularer Muslime, welche der Missintrepretation von Religion zum Ziel der Gewaltverbreitung zweifellos eine klare Absage erteilen. Amer Albayati, Präsident der Initiative liberaler Muslime Österreichs betont: „Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass die Terrorbedrohung durch radikale Islamisten in Europa auf die leichte Schulter genommen wird. Wir warnten unmittelbar vor diesen Anschlägen öffentlich vor Racheakten aufgrund der vorangegangenen Verhaftungen. Diese Anschläge waren leider keine Überraschung. Aber leider verhallten auch dieses Mal die Warnungen ungehört. Solange die Politiker in Europa die Wurzeln der islamistischen Radikalisierung nicht ernsthaft bekämpfen, wird die Terrorgefahr mit jedem Tag weiter steigen. Radikalisierung beginnt bereits in den Kindergärten. Die Politik wählt hier aber seit Jahrzehnten die untaugliche Strategie des Wegschauens.“

„Sicherheits“-Kontrollen vor Flughäfen? Die Verlagerung eines Problems

Und aktuell vor dem Hintergrund der angestoßenen Diskussion durch Wolfgang Fellner (Herausgeber der Tageszeitung Österreich):
ILMÖ erklärt sich solidarisch mit Wolfgang Fellner – Forderung nach Verbot der radikalen Islam-Szene in Österreich und Europa notwendig
http://www.initiativeliberalermuslime.org/pressemitteilungen/29-03-2016-verbot/

Amer Albayati: „Radikal-Islamisten sofort stoppen“
Albayati: 80 Prozent sind sehr gut, aber zehn Prozent sind salafistisch, national-fundamentalistisch, fünf Prozent sind radikale Islamisten, weitere fünf Prozent Anhänger des IS. Von den letzten fünf Prozent sind ein bis zwei Prozent zum Terror bereit. Allein ich habe zuletzt bis zu 1.000 Todesdrohungen erhalten. Das zeigt das Gewaltpotenzial.

Albayati: Verbot der Muslimbruderschaft und radikal-islamischen Glaubensgemeinschaft. Wir brauchen Studien zu islamischen Einflüssen in Kindergärten, im Unterricht, in Moscheevereinen. Niemand will die Religion verbieten, aber die radikal-islamische Szene gehört sofort gestoppt. Islam ist bei uns zum Geschäft verkommen.

http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/Amer-Albayati-Radikal-Islamisten-sofort-stoppen/229775800

Rückfragen & Kontakt:
Dr. Thomas Tartsch; Politikberatung und Beratung Terrorism-Counterterrorism
E-Mail: info@thomastartsch.org, Internetpräsenz: http://www.thomastartsch.org

Dr. Amer Albayati, Islam- und Terrorexperte
Präsident, Initiative Liberaler Muslime Österreich – ILMÖ
Mobiltelefon: 069910333243
Email: info@initiativeliberalermuslime.org, http://www.initiativeliberalermuslime.org

Freitag 1.4.2016

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3 Gedanken zu “Albayati/Tartsch: Gegen die Angst in der Diskussion über die Thematik „Islam und Gewalt“ – Verbot der radikalen Islam-Szene notwendig

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